03-10-2005, 15:33 | Kurzgeschichte: 'Wald' |
Ich reflektierte eine Weile, was mich hierher geführt hatte, in diesen Wald, nicht weit von der Stadt. Im Herbst, bei Kälte und Feuchtigkeit. Ich war gelaufen, bis ich nicht mehr konnte, einen Fuß vor den anderen, ohne ein Gefühl für die Richtung zu haben oder den Grund für meine Eile. Es war, als hätte ich vor mir selbst fliehen wollen. Vor meinen eigenen Gedanken. Doch nicht das Laufen hatte mich von meinen Gedanken befreit, sondern das Ziel.
In diesem Wald war es dunkel. Es roch nach Erde, feuchter Erde, getränkt vom letzten Regen. Nach Pilzen und moderndem Laub und dem Wind. Er hatte mich begleitet, die ganze Zeit. Er war mir gefolgt, um mir zu beweisen, daß die Natur schritthalten könne. Doch, ha, das hätte er sich sparen können. Es war mir gleich. Ich hegte keine Abneigung gegen den Wind und seine Gespielen. Doch das konnte er nicht wissen, woher auch, mußte er doch Tag für Tag umherirren, hat er nicht etwa Zeit für mich alleine. Doch da, heute, schien es ihm wichtig.
Vögel, wollt ihr mir zuhören? Lasst Euch von mir erzählen, was mich herführt, Eure nächtliche Ruhe zu stören.
Ich lass es auch, wenn ihr es wünscht, Eure Kinder, die wollen gewiß schlafen. Haben den ganzen Tag gepickt und geschnäbelt, und flügge wollten sie werden.
Auch ich wollte flügge werden, doch was war es, das mir die Flügel hielt und mich hinderte? Es waren die Menschen, die glaubten, alles besser zu wissen, besonders, was für mich gut und richtig ist. Ich hatte ihnen geglaubt. Vogelkinder, glaubt Euren Eltern nicht, sie wissen, nicht, was für Euch gut ist. Findet es selbst heraus, auch wenn es Euch das Leben kostet. Wenigsten gebt ihr nicht Euer Innerstes her, für einen Krumen Brot aus dem Schnabel der Mutter.
Wald 28.7.96
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